Interview mit Hans Pfitzinger (1945-2010)

Für ein E-Mail-Interview über den US-amerikanischen Schriftsteller William Kotzwinkle konnte ich Hans Pfitzinger gewinnen. Er hat u.a. die Bücher "Das Pharaonenspiel" für Rowohlt, "Ein Bär will nach oben" und "Filmriß" für den Eichborn Verlag aus dem Englischen übersetzt und als erstes Buch von William Kotzwinkle "Schwimmer im dunklen Strom" für Rogner & Bernhard.

Zuvor ein paar Worte zur Person Hans Pfitzinger. Er wurde 1945 geboren, studierte in München und Berkeley (USA) Politikwissenschaft. In den Siebzigern lebte er in San Francisco und Umgebung. Zu der Zeit schrieb er für die Zeitschrift "Sounds". Später arbeitete er als Redakteur in München für verschiedene Zeitschriften. Seit 1983 ist er als Autor und Übersetzer tätig und konnte zuletzt die Doors-Fans mit dem Buch "The Doors - Tanz im Feuer" begeistern. Für die Antworten zu meinen Fragen legte er die CD "Kind of Blue" von Miles Davis auf.

JS: Herr Pfitzinger, zunächst ein paar Fragen zum Menschen Kotzwinkle. Sie haben vor geraumer Zeit für die Zeitschrift "lui" ein Interview mit W.K. geführt. Wie haben Sie damals Kotzwinkle erlebt? Können Sie sich an etwas besonderes erinnern?

HP: William Kotzwinkle lebt auf einer Insel vor der Küste von Maine, dem nördlichsten Bundesstaat an der Ostküste der USA. Er ist mit der Schriftstellerin Elizabeth Gundy verheiratet. Nach dem tragischen Erlebnis, dass er in "Schwimmer im dunklen Strom" beschrieben hat, wollte er keine Kinder mehr in die Welt setzen. An dem Wochenende, als ich ihn besuchte, kam Joel Ockhegem unangemeldet zu Besuch - der Freund Kotzwinkles, den er in "Fan Man" beschreibt. Wir saßen auf der Terrasse und haben Musik gemacht. Es war die reine Magie - Kotzwinkle auf einem indischen Instrument, einer Art Sitar, Joel sang und ich spielte eine Gitarre mit fünf Saiten, weil die sechste gerissen war und keiner die 15 Kilometer in die nächste Stadt fahren wollte, um eine neue Saite zu besorgen. Kotzwinkle war früher Schauspieler und wollte Musiker werden. Warum er das nicht weiter verfolgt hat? "Ich wollte nicht in neonfarbenen Unterhosen auf der Bühne stehen und Rockmusik machen."

JS: Beim Sammeln biographischer Fakten über W.K. ist mir häufig aufgefallen, dass das Geburtsjahr des Autors mal mit 1938 und mal mit 1943 angegeben wird. Kennen Sie die "richtige" Jahreszahl?

HP: Ich hoffe, 1943 stimmt. Dann kann ich vielleicht zum 60. Geburtstag in diesem Herbst einen Artikel über ihn bei irgendeiner Zeitschrift unterbringen - Redakteure brauchen immer einen Anlass, wenn sie was über einen Autor abdrucken.

JS: Kotzwinkle wird eine große erzählerische Begabung nachgesagt. Kritiker hielten einen Autoren-Kult ähnlich wie bei Bukowski oder Tolkien für möglich. Überrascht es Sie, dass W.K. in Deutschland nach wie vor weitgehend unbekannt ist?

HP: Das gilt, von "E.T." mal abgesehen, auch für die USA. Nein, das überrascht mich - und ihn - überhaupt nicht. Sein erfolgreichstes Buch - neben der "Novelization" von "E.T. - der Außerirdische" war in Deutschland "Ein Bär will nach oben". Da hat er alle Register gezogen, die für ein populäres Buch nötig sind, ganz bewusst hat er das gemacht. Aber eigentlich interessiert ihn das nicht so sehr. Er hat sich nie auf eine Genre festlegen lassen. Wenn er einen Krimi ("Fata Morgana") geschrieben hat, dann als nächstes einen Liebesroman ("Königin der Schwerter") und dann halt wieder ein Kinderbuch. Er wollte nie die Erwartungen bedienen.

Hoffentlich nimmt er mir das jetzt nicht übel, wenn ich es öffentlich mache: Die Idee zu "E.T." war ja nicht seine. Steven Spielberg rief ihn an, und sagte, er wäre ein großer Verehrer des "Fan Man", ob er, Kotzwinkle, nicht den Roman zum Film schreiben könnte? Nee, sagte Kotzwinkle, er schreibe nur nach seinen eigenen Ideen. Spielberg hat ihn dann rumgekriegt: Er solle sich doch mal das Drehbuch anschauen. Es ginge nicht darum, einen Roman nach dem Film zu schreiben. Kotzwinkle sollte, während Spielberg einen Film nach dem Drehbuch macht, einen Roman nach dem Drehbuch schreiben. Kotzwinkle war endgültig verzaubert, nachdem er das Drehbuch gelesen hatte: "E.T. war als Filmfigur das Schönste, was Hollywood seit Jahren hervorgebracht hatte. Und Spielberg ließ mir völlig freie Hand - der Roman war deshalb in weiten Teilen völlig anders als der Film." Es kam ihm immer mehr auf seine persönliche Freiheit an, als darauf, den Markt zu bedienen. Das Buch stand dann neun Monate auf der Bestsellerliste der New York Times und hat ihm sein Haus gebaut und das Grundstück auf der Insel gekauft.

JS: Ich möchte nun ein paar Fragen zu Ihrer Übersetzungsarbeit stellen. Wie wird man eigentlich der Übersetzer eines Kotzwinkle-Buches?

HP: Ich habe von 1973 bis 1978 in Kalifornien gelebt. Ein Freund drückte mir "Swimmer in the Secret Sea" (Schwimmer im dunklen Strom) in die Hand und sagte: "Das musst du lesen". Ich lag am sommerlich heißen Strand und las Kotzwinkles Beschreibung des kanadischen Winters und bekam eine Gänsehaut. Ich dachte mir, wenn ein Autor das schafft, dann muss er etwas Besonderes sein. Als ich nach Deutschland zurückkam, habe ich das Buch an fünf verschiedene Verlage geschickt, mit der Bitte, es übersetzen zu dürfen. Alle haben abgesagt. Dann kam "Fan Man" heraus bei rororo und wurde ein kleiner Erfolg. Da hat mich die Verlegerin von Rogner & Bernhard angerufen - drei Jahre waren vergangen - und gefragt, ob ich "Schwimmer" immer noch übersetzen will. Ich wollte.

JS: Und wie sieht dann die Übersetzungsarbeit aus? Liest man das Buch zuerst im Original und beginnt dann anschließend mit dem Übersetzen?

HP: Aber ja.

JS: Beschäftigt man sich im Vorfeld der Übersetzung eigentlich mit dem Autor, also beispielsweise mit seiner Biografie oder seinen stilistischen Besonderheiten?

HP: Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Mensch ist. Jahre später habe ich ihn dann besucht, obwohl mir der amerikanische Verlag gesagt hatte, es sei aussichtslos, er würde nicht mit Journalisten reden. So schnell gebe ich aber nicht auf. Ich hatte einen Auftrag, über den Weltmeister im Schlittenhunderennen zu schreiben, der an der kanadischen Grenze im Staat New York wohnte. Hey, dachte ich mir, da könnte ich bei William Kotzwinkle vorbeischauen. Ich schrieb ihm einen Brief, und er lud mich tatsächlich ein, zu ihm nach Maine zu kommen. Später habe ich ihn gefragt, weshalb er bei mir eine Ausnahme gemacht hat. "Weißt du, wenn einer 'Schwimmer im dunklen Strom' übersetzt hat, das persönlichste und intimste Buch, das ich je geschrieben habe, kann er als Mensch nicht ganz daneben liegen."

JS: Den einen oder anderen Leser würde es sicherlich interessieren, ob ein Übersetzer manchmal zum Englisch-Deutsch-Wörterbuch greift. Können Sie uns dazu ein paar Worte sagen?

HP: Ein Übersetzer, der nicht zum Wörterbuch greifen muss, ist entweder ein arroganter Dummkopf oder er lügt. Kotzwinkles Sprache ist aber so eigenartig, dass er selbst von Amerikanern als merkwürdig angesehen wird. Ich habe immer versucht, nicht nur zu übersetzen, sondern eine ihm gerecht werdende deutsche Sprache zu finden, und dabei so nahe wie möglich am Original zu bleiben. Die Stellen, bei denen ich auch mit Wörterbuch nicht ganz sicher war, habe ich dann mit ihm am Telefon besprochen. Das schönste Kompliment für meine Arbeit habe ich von Sandra Maischberger erhalten: "Hans, du übersetzt ihn so, als sei Kotzwinkle ein deutscher Freak."

JS: Und zu diesem Themenkreis eine letzte Frage. 2001 hat Kotzwinkle das Kinderbuch "Walter the Farting Dog" (Walter, der furzende Hund) veröffentlicht. Werden Sie das Buch ins Deutsche übersetzen?

HP: Es gibt leider keinen deutschen Verlag, der auch nur das geringste Interesse daran hat. Keines von seinen Kinderbüchern ist ins Deutsche übersetzt worden, ganz zu schweigen von "Trouble in Bugland", einer Sherlock-Holmes-Persiflage, die unter Insekten spielt, mit Inspektor Mantis (Gottesanbeterin) als Sherlock Holmes, und "Herr Nightingale and the Satin Woman", einem Versepos im Agentenmilieu mit einer verliebten Grille als einer der Hauptfiguren. Das liegt auch daran, dass beide Bücher mit Illustrationen von Kotzwinkles altem Kumpel Joe Servello versehen sind - da scheuen die Verlage einfach die Kosten. Traurig und wahr.

JS: Nun eine Geschmacksfrage: Haben Sie ein Kotzwinkle-Lieblingsbuch bzw. welches von Ihnen übersetzte Buch hat Ihnen am besten gefallen?

HP: Das geht schon aus dem vorher Gesagten hervor: "Schwimmer im dunklen Strom". In einer so kleinen Novelle so viel über unsere "traurige und schöne" (Roberto Benigni) Existenz als Menschen unterzubringen - das ist einfach zeitlos genial. Aber ich mag auch "Doktor Ratte" wegen seiner radikalen Haltung zu der Art, wie wir Menschen mit Tieren umgehen (obwohl ich das nicht übersetzt habe), und "Filmriß" liegt mir auch sehr am Herzen: Das Kapitel, wo das Nazi-Gold in einem Bierkeller in meiner Geburtsstadt Weißenburg versteckt wird, haben wir an dem Wochenende, als ich ihn besucht habe, zusammen ausgeheckt.

JS: Und zum Abschluß des Interviews noch eine allgemeine Frage. Haben Sie zur Zeit einen Autor oder ein Lieblingsbuch, dass Sie meinen Lesern empfehlen möchten?

HP: Alles von Robert Walser. Mein Einstieg war "Poetenleben", ein schmales Bändchen bei Suhrkamp. Walser ist der radikalste Schriftsteller, der mir jemals untergekommen ist. Keiner hat sich konsequenter dem Wahnsinn unserer Zeit verweigert.

JS: Herr Pfitzinger, ich bedanke mich für das Interview und Ihre Antworten.

Genau in diesem Moment geht die CD von Miles Davis zu Ende...

Das Interview wurde am 22.05.2003 geführt.

Erstveröffentlichung: 24.05.2003



URL: http://www.schmager.de/interview.shtml aktualisiert: 02.01.2017
© 1998 - 2017 Jan Schmager
0.0068 s