Nach Kanada.

Eine U-Boot-Reportage von Andreas Möller

Früher ist er zu jedem Heimspiel gegangen, sagt er. Dortmund, nicht Köln. Allein seines Vaters wegen, der den Geißböcken die Treue hielte. Stefan Wegener macht ein langes Gesicht, als er sich über die Zeitung beugt, grinst und lässt sich auf die Bank zurückfallen, die bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Willkommen in zehn Metern Wassertiefe, irgendwo in der Kieler Bucht. Es riecht nach Ventilluft, Schweiß und Instant-Tomatensuppe. Ein bisschen wie in der Umkleidekabine, wenn Halbzeit ist.

raue See Wegener, der Anfang zwanzig sein mag und gutmütige Züge hat, steht auf und drängt sich nach vorn durch einen Gang. Es geht vorbei an Hängepritschen, von denen halbgeöffnete Augen blinzeln. Wer nicht auf Posten sei, lege sich hin, erklärt er. Jeweils zwei Leute würden sich eine Koje teilen, Offiziere und der Smut ausgenommen.

In einem Verschlag, der wie eine Küche aussieht, werden Suppenschalen zusammengestellt. Äpfel liegen in einem Plastikkorb, umrahmt von "Highlands"-Trinkwasserflaschen vom letzten Schottland-Törn. Ein Bild von Chet Baker klebt an der Wand, eines von Ché Guevara in unmittelbarer Nähe. Das mit Zigarre. Bis zur nächsten Zigarette werden einige Stunden vergehen, bis zur nächsten Fahrt nach Hause Tage und Wochen. Trotzdem, schon als Kind habe er U-Boot-Fahrer werden wollen, sagt Wegener und nickt. Dann zupft er an seinem Hemd und öffnet den Stoffvorhang, der den Bugraum vom Mittelschiff trennt. Wachwechsel, heißt das.

OPZ wird der Raum im Kürzeldeutsch der Marine genannt, der kaum größer als ein Fußballtor ist, Operationszentrale. Er ist das Cockpit des Bootes, seine Verbindung zur Außenwelt. Hier wird der Stoff für Legenden gemacht. Neben dem Kommandanten sind zwei Offiziere zu erkennen, die mit "Eins WO" und "Zwei WO" oder einfach "Waffe" angesprochen werden. Knapp und präzise müsse die Sprache sein, erklärt die "Waffe", um Missverständnisse zu vermeiden und die Crew in Havariefällen vor panischen Reaktionen zu bewahren. Ein Steuermann zeichnet mit Zirkel und Dreieck, als gelte es einen Architekturpreis zu gewinnen. Der Funker, der auf "Puster" hört, schraubt an seiner Anlage, und die Sonartechniker spielen mit ihren Trackbällen. Lüftergeräusche sind zu vernehmen, Kursmeldungen, vereinzelt Funksprüche. Es ist stockfinster, lediglich die Gerätekonsole und der Kartentisch produzieren ein schwaches Licht, das diesem Ort ein eigenwilliges Ambiente verleiht. "Das muss so sein", flüstert einer, "damit der Alte was durchs Seerohr erkennen kann." Es ist, als habe man auf dieses Wort gewartet.

Der Alte ist zweiunddreißig und heißt Gernot Schirner. Überwiegend gute Erfahrungen mit Presseberichten habe er gemacht, sagt Schirner, die nach dem Untergang der "Kursk" im Jahr 2000 auf ein nie da gewesenes Maß anwuchsen. Von Ängsten und Entgleisungen der Besatzung sei nur hin und wieder die Rede gewesen, und von pikanten Details, die sich in der Enge des Bootes nicht verbergen ließen. Da gab es Fahrten, die nie stattgefunden haben. Minuten vergehen, Blicke werden getauscht. Wegener schaut auf die Wand, um einen Augenblick für sich zu sein.

Befragt man die Crew nach den Gründen für das U-Boot-Fahren, gibt es eine Antwort, die man nicht unbedingt erwarten würde. Entspannter ginge es zu als andernorts in der Marine, meint einer ganz pragmatisch, weniger formal, was nicht allein auf die räumlichen Gegebenheiten zurückzuführen sei. "Nichts für Hasenherzen", sagt ein Oberbootsmann dennoch wie auf Kommando. "Nichts für ängstliche Gemüter", stand im Pressematerial des Marineamtes.

Wer das Boot verstehen will, muss in die Schiffstechnik gehen, hatte jemand gesagt und auf einen Mann im Heck gedeutet. Wenn man sich an Kartentisch und Sonar entlang gearbeitet hat, kommt man dorthin. Hier ist das Reich von Martin Seid. Der Raum erinnert auf den ersten Blick an eine Mischung aus Museum und Spielhalle, denn überall sind faustgroße Schraubräder, Skalen und nostalgische Armaturen zu sehen, vor denen vier Leute sitzen, wie man vor einem Automaten sitzt. Seid schaut ihnen über die Schulter und gibt vereinzelt Anweisungen, der Ton ist locker, Fußball im Allgemeinen und der HSV im Besonderen ein Thema. "2:4", steht irgendwo in Kniehöhe, "Hamburgs Schlimme Vorstellung".

Die Maschinen laufen ruhig, was am Batteriebetrieb des Bootes liegt, der für eine Fahrtzeit von bis zu zwei Tagen ausreicht. In dieser Nacht kommt der ohrenbetäubende Diesel nicht zum Einsatz, auch nicht der gefürchtete Schnorchel, der zum Ansaugen von Luft verwendet wird, wenn die Generatoren Sauerstoff benötigen. In einem Glaskolben pendelt ein Schwimmer, der die Dichte des Außenwassers anzeigt. Der Wert aus Wasser und Salzgehalt, sagt Seid, den wir brauchen, um die Tauchfüllung zu erstellen. Je höher die Dichte, desto schwerer müsse der Kahn sein, erklärt er weiter, weshalb man im Mittelmeer schon doppelt so schwer sein müsse wie in der Ostsee, sich aber getrost zwei Elefanten draufschnallen könnte, ohne im Toten Meer zu versinken. Was wie eine Zirkusnummer klingt, soll ein aufwendiges Verfahren illustrieren, mit dem das Boot getaucht und unter Wasser ausbalanciert wird. Damit es waagerecht liegt und geradeaus fahren kann und am Ende nicht aussieht wie ein einbeiniger Elefant, der mit dem Kopf wippt.

Plötzlich wird es vorne unruhig. "Wollen Sie mal durchschauen?", fragt Schirner und tritt einen Schritt zur Seite. Nichts, nichts als winzige Punkte sind zu erkennen, die auf der Wasseroberfläche tanzen. In der Mitte, sagt er, und hält sich das linke Auge zu, als würde der Gast ihn nicht verstehen. In Miniaturformat zeichnen sich durch das Periskop die Umrisse eines Schiffes ab. "Schraubengeräusch als Zielschiff identifiziert", präzisiert jemand aus dem Hintergrund.

Was jetzt beginnt, wird als Zielanlauf bezeichnet, an dessen Ende der Unterwasserschuss eines Torpedos stehen wird. Ein halbe Ewigkeit vergeht, bis Klarheit herrscht. Zieldaten werden eingegeben, Kursmeldungen aktualisiert, ein Countdown gezählt. Dann wird es wieder still.

Es braucht etwas Fantasie, sich das Auslaufgeräusch eines Torpedos vorzustellen. Wenn man die Augen schließt und sich den Flossenschlag eines Fisches vorstellt, bekommt man einen Eindruck vom Auslaufen eines Dreitonnen-Torpedos mit Suchkopf und Schraubenantrieb. Kraftvolles Eintauchen, dann das Perlen von Wasser, das etwas Beängstigendes hat. Gepard eins, sagt der Funker nüchtern, der Code für: Zielschiff hat den Torpedo gesichtet.

***

Von oben betrachtet gleicht die Ostsee einem Vorhang. Das Zielschiff, ein geräumiger Hochseeschlepper mit mehreren Decks, hat die Beleuchtung ausgeschaltet. Kaffee wird gereicht, das Radio dudelt. Der Führungsstander weht am Mast, der aussieht wie eine Kreuzritterflagge. Er zeigt an, dass von diesem Boot aus ein Marineverband geführt wird.

Klaus Leuder schaut durch das Fernglas und beginnt zu erzählen. Vom Abschneiden seiner Leute beim Schottland-Manöver und den Fahrten in die Adria. Von der eigenen Tradition junger U-Boot-Fahrer, die aus dem Schatten der mythengeschwängerten Vergangenheit getreten wären. Und von den Frauen bei der Marine, den medienwirksamen Exotinnen, die den Umgangston an Bord so angenehm heben würden. Wenn sie denn kämen.

"Na ja", sagt Leuder ungläubig, der diese Übung leitet. "Gesetzt den Fall, dass uns ein Ansturm erwartet, brauchen wir deutlich mehr Frischwasser da unten." Leuder ist geschult im Reden: "Denn selbst Diejenigen werden sich waschen wollen, die sonst riechen wie die Otter." Dann schaut er auf die Uhr und steigt wortlos die Leiter zum Oberdeck hinauf.

Es sieht aus wie ein Irrlicht, was dort über die Wasseroberfläche rast. Als würde ein Scheinwerfer eine Bühne abtasten, ohne fündig zu werden. Einen Schlenker nach links, einen nach rechts, dann läuft der Kegel auf die Bordwand zu und erhellt sie phosphorgrün. "Gepard zwo", schallt es vom Deck des Schiffes. "Gepard zwo", wird von der Brücke erwidert, was klarmacht: Torpedo im Ziel. Glücklicherweise führt dieser Torpedo keinen Sprengsatz, sondern einen grellen Scheinwerfer. Damit man seinen Suchlauf nachvollziehen kann. Deswegen auch das Schießen bei Nacht.

"Glatter Unterlauf", bestätigt Leuder und rückt sein blaues Baseballcap zurecht, auf dem selbstredend ein U-Boot zu sehen ist, weil der Torpedo den Schlepper nicht attackiert hat, sondern unter ihm durchgefahren ist. Auch das mutet wie das Zeichen eines okkulten Spiels an, gibt aber nur wieder, wie es wirklich aussehen könnte.

***

Es ist mittlerweile kurz nach zwölf, obwohl Zeit zu einer anderen Größe wird, wenn es kein Tageslicht gibt. Müdigkeit macht sich bei der Crew unter Wasser breit, die nach sechs Stunden Übung den Befehl zur Rückfahrt nach Eckernförde erhalten hat. Action-Snack?, fragt Wegener und fuchtelt mit einen Schokoriegel herum. "Ist gut gegen alles mögliche", scherzt er und beginnt von den sanitären Gegebenheiten an Bord zu berichten.

Über den Bordlautsprecher ist die Stimme von Schirner zu hören. Er sagt etwas zur Ausfahrt, lobt die Mannschaft und gratuliert einem Obermaat zum Geburtstag. Der nimmt es gelassen zur Kenntnis und nickt. Kein Kuchen, keine Kerzen und kein Handy, das klingelt. Stattdessen gibt‘s Toastbrot und Suppe. Den "Mittelwächter", der immer um Mitternacht gereicht wird. Diesmal ist es Nudeleintopf. Wie aufs Stichwort zieht jemand eine Palette Bier aus dem leeren Torpedorohr, die nach dem Anlegen kollektiv geleert werden wird.

Dann taucht das Boot auf und setzt seine Fahrt über Wasser fort. Frischluft strömt durch den Turm, Wellen schlagen an die Außenwand, der Himmel ist sternenklar. Wenn er das Geld hätte, würde er ein paar Jahre verschwinden, sagt Wegener. Nach Kanada vielleicht, und es passt nur zu gut in diese Welt. Bis dahin sei es jedoch ein verdammt langer Weg. Wie der Gang in die Dusche nach einem verschossenen Elfmeter, meint jemand von hinten, vorbei am tosenden Publikum.

Traumfang. Eine Geschichte vom Angeln Andreas Möller, geboren 1974 in Rostock, promovierte über den Dresdner Schriftsteller Martin Raschke. Seine Arbeit erschien 2006 unter dem Titel "Aurorafalter und Spiralnebel" als Buch.
Neben Studium und Promotion arbeitete er als freier Journalist und Rezensent, vor allem für das Deutschlandradio. 2009 erschien bei Ullstein sein Buch "Traumfang. Eine Geschichte vom Angeln".

Weitere Texte von Andreas Möller

Es lebe das geheime Deutschland! (dradio.de)
Europäischer Trend zur Angleichung (dradio.de)

Erstveröffentlichung: 10.06.2005



URL: http://www.schmager.de/autor5.shtml aktualisiert: 02.01.2017
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